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In Berlin vielleicht
     
 

Historischer Roman (Deutsches Kaiserreich). Erstmals erschienen im Thienemann Verlag 2005.

2013 Neuauflage in der Edition Gegenwind als E-Book bei neobooks und als Taschenbuch bei CreateSpace, beziehbar über Amazon.

Inhalt

„Ich geh weg von hier. Ich geh nach Berlin. Und nie, nie wieder kehr ich zurück!" Aus dem Dorf, in dem sie als uneheliche Tochter einer Magd keine Chance hat, zieht es Lene voller Hoffnung auf ein besseres Leben nach Berlin. Doch was sie als Dienstmädchen in der Großstadt erwartet, ahnt sie nicht.

Band 1 der mehrfach preisgekrönten Berlin-Trilogie: ein Stück Frauengeschichte Ende des 19. Jahrhunderts und zugleich ein Porträt des Deutschen Kaiserreichs „von unten".

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Über die Entstehung

Das Leben von Frauen im Deutschen Kaiserreich in all seiner Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit hat mich schon seit langem interessiert und die Recherchen für einen entsprechenden Roman begleiteten mich über etliche Jahre. Im Laufe der Zeit hat das Romanprojekt mehrere Umgestaltungen erlebt, bis in der Geschichte des Dienstmädchens Lene Schindacker der erste Band einer Trilogie von drei unabhängigen, lose miteinander verknüpften Romanen zur Kaiserzeit in Berlin entstand, die das Leben von Mädchen und Frauen verschiedener Schichten aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erzählen. Der zweite Band ist mit "Berlin Bülowstraße 80a" 2007 erschienen, der 3. Band folgte 2009 mit "Es war in Berlin".

Rezensionen und Auszeichnungen

„In Berlin vielleicht“ wurde ausgezeichnet mit dem Heinrich-Wolgast-Preis 2008, war nominiert für den Buxtehuder Bullen 2005 und den Sir Walter Scott Preis 2006 und war im November 2005 Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V. in Volkach.

„Hier beweist sich eine Erzählerin bedeutenden Formats.“ (Südwest Presse, 5. 10. 2005)

Selten sei die Sozialgeschichte von Frauen aus den sogenannten Unterschichten anschaulicher erzählt worden, urteilt Gabriele von Glasenapp in Der evangelische Buchberater 3/2006

„Mit Sensibilität, profunder Sachkenntnis und Erzähltalent“, „ein eindringliches Portrait der hierarchischen Kaiserzeit“. (Stichworte aus einer Rezension des Romans in Bücher, 28.11.2005)

„Glaubwürdig geschilderte Heldinnen“, „atmosphärisch dicht“, und Übertragbarkeit auf die heutige Zeit sind einige Stichworte aus der Rezension von Heinke Kilian in der Stuttgarter Zeitung, 16.11.2005)

"Der Autorin gelingt ein minutiös recherchierter, detailreicher Frauenroman mit eindrucksvollen Milieubildern und Charakteren. Mit dem Blick zurück auf Frauenleben und politische Diskussionen weckt er das historische Interesse. Und er belohnt die Lektüre mit einer spannenden Handlung – und einer Botschaft, die bis in die Gegenwart reicht." (Aus einer Rezension von Heide Germann im Darmstädter Echo, 26.2.2009, zitiert mit freundlicher Genehmigung des Darmstädter Echos)

"Somit bietet dieses Buch wie auch die Trilogie insgesamt nicht nur für jugendliche Leser einen so fundierten wie faszinierenden Nachhall dessen, was nicht mehr von eigenen Großeltern erzählt werden kann." (Ulrich Karger im Tagesspiegel, 15.3.2009. Vollständige Rezension)

Eine Online-Rezension finden Sie auf den Seiten der Büchernachlese.

Leseproben

[Lene Schindacker steht als uneheliche Tochter einer Magd in der dörflichen Hierarchie ganz unten. Seit ihrem zehnten Lebensjahr lebt sie in ihrem Heimatdorf als Haus- und Kindermädchen im Haushalt des Lehrers. Vierzehnjährig, nach dem Schulabschluss, beschließt sie in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft als Dienstmädchen nach Berlin zu gehen. Mit der Anzeige einer Dienstbotenvermittlung in der Hand kommt sie dort im Frühjahr 1887 am Bahnhof an.]

„Na, Fräulein, sind Sie hier festgewachsen, oder was?“ Lene wurde geschoben, geschubst, gegen das schmiedeeiserne Geländer gedrängt, das den Abgang aus der hohen Halle umgrenzte, landete schließlich fast ohne ihr Zutun auf der großen Treppe, die vom Bahnsteig nach unten führte, die Menschenmenge nahm sie einfach mit, Männer, Frauen und Kinder, Bäuerinnen mit Körben voller Zwiebeln und Kohl, Mägde mit aufgeregt in Käfigen gackernden Hühnern, Gepäckträger mit riesigen Koffern auf den Schultern, vornehme Damen in Samtjäckchen und Cape, den hinten zum Cul de Paris drapierten Rock zierlich mit einer Hand raffend, Herren im Gehrock und Zylinder, Männer in schmutzig blauer Arbeitskleidung, verwegen die Mütze in die Stirn gedrückt, prächtige Offiziere und einfache Soldaten, zerlumpte Jungen und solche im feinen Matrosenanzug, kleine Mädchen an der Hand junger Frauen in Tracht mit weißem Schultertuch und Flügelhauben: ein unübersehbares Gewühl, ein Reden und Lachen, Rufen und Fluchen. Oben auf dem Gleis pfiff der Zug, eine dichte Rauchwolke zog durch die Bahnhofshalle und hüllte sie alle ein.
Am Fuß der Treppe blieb Lene stehen, an die Wand gedrückt. Als der Rauch verzogen war, hatte sich auch das Gedränge gelichtet. Krampfhaft hielt sie den Zettel mit der Annonce umklammert und sah ratlos nach rechts und nach links. Zwei Ausgänge – welchen sollte sie nehmen? Sie hielt Ausschau nach jemandem, den sie fragen konnte, die alte Frau dort mit ihren kümmerlichen Blumensträußen vielleicht oder den Jungen, der aus seinem Bauchladen Zigarren anbot? Unschlüssig ging sie nach links und trat ins Freie, wich sofort wieder zurück: Eine riesige Kutsche ratterte vorbei, zwei Pferde zogen das übergroße Gefährt, zahllose Gesichter hinter den Fenstern, und selbst oben auf dem Dach noch Bänke voller Leute. Gefolgt wurde dies Fahrzeug – es musste ein Pferdeomnibus sein, Lene erinnerte sich jetzt, dass der Herr Lehrer davon erzählt hatte – von einem hoch mit Säcken überladenen Fuhrwerk und einem kümmerlichen Kohlekarren, den ein magerer Hund und ein schmächtiger Junge gemeinschaftlich zogen, einer so erschöpft wie der andere. Vornehme Kutschen begegneten den Fahrzeugen und ein offener Zweispänner, Fußgänger quetschten sich durch den Verkehr, liefen todesmutig über die Straße, Lene schwirrte der Kopf. Und da – sie konnte es kaum glauben: Ein seltsames Ungetüm fuhr die Straße entlang, eine Kutsche ohne Pferde, angetrieben von einer monströsen, puffenden und knatternden Dampfmaschine.
Lene floh zurück, suchte den zweiten Ausgang, fand sich zwischen wartenden Pferdedroschken und zwei Schutzleuten mit Pickelhauben, die ernsten Gesichtes die Kutscher befragten, während ein Wachtmeister auf hohem Ross thronend die Szene beobachtete. Da konnte sie doch nicht ...
Wieder in die Halle. Vielleicht doch die alte Frau fragen, die ihre Blumensträuße zum Verkauf anbot? Doch die Alte war verschwunden.
„Neu hier, was, Fräuleinchen?“, wurde sie von einer freundlichen Frauenstimme in ihrem Rücken angesprochen.
Erleichtert drehte Lene sich um. Endlich jemand, der ihr helfen würde!
Eine ältere, dicke Dame in Rot und Schwarz stand da und lächelte ihr aus geschminktem Gesicht breit zu. Lene starrte. Was für ein Hut! Ein halber Garten aus künstlichen Blumen und Straußenfedern fand darauf Platz, und um den Hals der Dame wogte und wehte eine Federboa. „Weißt wohl nicht wohin, Fräuleinchen, was?“, fragte die Dame.
„Ich, nein, das heißt, doch!“, stammelte Lene und hielt der Dame den Zettel hin. „Linkstraße. Können Sie mir sagen, wie ich da hin finde?“
Die Dame warf einen kurzen Blick auf die Anzeige und schlug die Hände mit allen Zeichen des Entsetzens zusammen. „Du willst dich doch nicht in die Fänge so eines Vermittlungsbüros begeben?! Fräuleinchen, man merkt, dass du noch nie in Berlin warst!“ Die Dame musterte Lene von oben bis unten. „Du suchst wohl deine erste Stellung, was?“
„Ja. Das heißt: nein!“, erwiderte Lene „Ich war schon in Stellung, fast fünf Jahre bei unserem Herrn Lehrer daheim. Aber jetzt such ich mir was in Berlin. Und bitte, wenn Sie so freundlich wären, wenn Sie mir sagen würden, was ist denn so schlimm an einem Vermittlungsbüro?“
„Die ziehn dir nur das Geld aus der Tasche, da bist du fünf Mark los, so schnell kannst du gar nicht schaun, und dann ist nichts mit Stellung, und dann ist Nacht und du stehst auf der Straße und weißt nicht wohin. Aber nun schau mal nicht so unglücklich, Fräuleinchen, wie heißt du denn überhaupt?“
„Lene, gnädige Frau!“ Lene machte einen Knicks.
„So, Lene. Ich will dir mal was sagen, am besten kommst du erst mal mit zu mir. Wir finden schon was für dich. Aber wir müssen dir erst ein bisschen den Großstadtpep beibringen und dich zurechtmachen, ich will ja nichts sagen, aber das Dorf sieht man dir schon von weitem an. Komm nur mit, ein paar Stationen mit dem Pferdeomnibus, und schon sind wir da!“
„Ja aber, ich kann doch nicht so einfach, das ist doch zu gütig ...“, murmelte Lene unsicher. Irgendetwas war ihr nicht so ganz geheuer. Die Dame schien ihr allzu hilfsbereit. Oder war das hier so in der Stadt?
Die Dame lachte und fasste sie am Arm. „Jetzt zier dich mal nicht, bist hier in Berlin und nicht mehr auf dem Dorf. Wart nur ...“ Unter unaufhörlichem Geplauder lotste die Dame sie durch die Bahnhofshalle auf den Ausgang zu, indem sie Lenes Oberarm fest umklammert hielt. Nur noch zwei, drei Schritte waren sie von der Tür entfernt, als diese sich öffnete und zwei Wachtmeister in blauer Uniform und Pickelhaube hereinkamen.
Die Dame ließ Lenes Arm los. Und auf einmal war sie weg.
Verblüfft drehte Lene sich um, blickte nach allen Seiten, sah eben noch, wie die Dame in fliegender Hast um die Ecke bog. Ihre Federboa wehte hinter ihr her.
Erst war eine seltsame Leere in Lenes Kopf, dann begann es darinnen zu wirbeln. Die aufdringliche Freundlichkeit – das Angebot, sie mit nach Hause zu nehmen – der feste Griff am Arm – die Wachtmeister – das fluchtartige Verschwinden ...
Ihr Herz schlug schnell und dumpf.
Was hatte diese Dame mit ihr vorgehabt? Und war sie überhaupt eine Dame? War sie nicht allzu grell geschminkt gewesen? Der Satz des Herrn Lehrer: Willst du in der Gosse enden?
Auf einmal erschien ihr Berlin wie ein bodenloser Morast.

[In ihrer ersten Stellung in der Familie eines Polizeihauptmanns wird Lene gnadenlos ausgebeutet. Schließlich wird ihr von ihrer gnädigen Frau gekündigt, weil sie dem Polizeihauptmann gesagt hat, dass sie von seinen Söhnen bestohlen worden war. Der Eintrag der gnädigen Frau in ihrem Gesindebuch „Für mich nicht passend. Nicht kinderlieb. Sonst ehrlich“ erscheint ihr wie ein Todesurteil. Sie fürchtet, mit diesem Eintrag keine Stellung mehr zu bekommen, und flüchtet zurück ins Dorf, wo sie aber feststellen muss, dass sie dort keine Heimat mehr hat. Auf Betreiben der Lehrersfrau stellt sie sich auf die Anzeige eines unverheirateten Obersts hin erneut in Berlin als Dienstmädchen vor.]

Sie holte tief Luft. Dann endlich betrat sie das Haus, ging durch in den ersten Hinterhof, fand den Hintereingang, stieg die schmale Treppe hinauf. Bei einem adeligen Offizier, der so viele Mädchen abgelehnt hatte, konnte man nicht am Vordereingang läuten. Im ersten Stock hing ein kleines Pappschild: Dienstboteneingang Oberst von Wutenow. Noch einmal zögerte sie. Dachte an die Frau Lehrer. Dann endlich überwand sie sich und klingelte. Sofort wurde die Tür geöffnet, ein junger Bursche des Kaiser-Alexander-Regimentes öffnete ihr.
Sie knickste. „Ich komme wegen der Anzeige in der Zeitung“, sagte sie.
Er grinste breit und sagte mit weit ausholender Bewegung auf eine große, ganz in Weiß und Blau gehaltene Küche hin: „Hereinspaziert in die gute Stube! Nach der Fünften hab ich mit der Zählerei aufgehört!“
„Dann ist die Stelle wohl schon vergeben und ich kann gleich wieder gehen?“, fragte Lene rasch.
„Nun red mal nicht Makulatur, so ein nettes Mädchen! Hast schon mal was gut, weil du hinten geläutet hast, denn die Mädchen, die ihren Platz nicht kennen, soll ich gleich wieder wegschicken, hat der Herr Oberst gesagt. Bei dem sieh dich vor, der ist ein Aas, wenn du weißt, was ich meine, dem macht man nichts vor!“
„Ach“, sagte Lene, „vormachen will ich ja keinem was, ich sag auch gleich, ich war noch nie bei einem Herrn Oberst, und dann auch noch einer von Adel, ich weiß gar nicht, ob ich hierher passe, aber meine Frau Lehrer hat gemeint ...“
Der Bursche lachte. „Nun schau mal nicht so verschreckt, so schlimm ist das alles nicht, nur die Regeln muss man kennen, immer strammgestanden und ‚Jawohl, Herr Oberst’ und ‚Zu Befehl Herr Oberst’ gesagt, dann läuft die Chose wie geschmiert. Wir werden das Kind schon schaukeln, wenn’s nach mir geht, nehmen wir dich, du bist mir gleich sympathisch. Ich schau mal, was ich für dich tun kann, was? Und nun mal keine Angst, der frisst dich schon nicht auf, auch wenn er so ein Gesicht macht, aber das ist nur äußerlich!“ Damit grinste er Lene noch einmal an und ging vor ihr her aus der Küche in den schmalen Flur, der schon nach zwei Schritten wieder vor einer Tür endete. Sie durchquerten ein als Esszimmer mit strengen schwarzen Möbeln eingerichtetes Berliner Zimmer und erreichten durch eine weitere Tür eine geräumige Diele, von der drei weitere Türen abgingen. Er klopfte an eine von ihnen und verschwand durch diese auf ein knappes „Herein!“ hin.
Kurz darauf kam er wieder heraus, zwinkerte Lene zu, flüsterte: „Nun lass dir mal nicht bange machen!“ und ließ sie ein.
Sie hatte eine große hagere Gestalt in prächtiger Uniform erwartet, mit Degen an der Seite und mit einem Monokel, durch das sie scharf gemustert würde. Statt dessen stand vor dem Fenster neben dem Erker ein Mann von mittlerer Größe und mittlerem Alter mit einem Ansatz von Bauch und rundlichem Gesicht. Er trug einen bequemen Hausmantel aus braunem Samt, und keine Rede von Degen oder von Monokel. Und doch war da diese Haltung und diese Ausstrahlung, die schon von weitem den hohen Offizier verriet. Lene knickste tief. Wartete.
„Kannst du auch reden?“, fragte der Herr Oberst.
Sie starrte ihn an. Endlich begriff sie. „O, Herr Oberst, guten Tag, es tut mir Leid, ich“, sie kam ins Stottern.
„Du hast gefürchtet, ich beiße, sobald du den Mund aufmachst!“, ergänzte er.
„Ja, ich meine nein, zu Befehl, Herr Oberst, ich wusste nicht ...“ Diese Stellung hatte sie schon verloren. Ihre einzige Chance war vertan.
„Aber deinen Namen wirst du wohl wissen!“
„Jawohl, Herr Oberst. Lene Schindacker.“
„Vater?“
Ihr wurde heiß, sie spürte, wie sie rot wurde, ihre Hände krampften sich ineinander. Nun war es endgültig vorbei.
„Also kein Vater!“, stellte er fest.
„Nein, Herr Oberst“, flüsterte sie.
„Schweinerei!“
Da, plötzlich, entlud sich alle Angst und Verzweiflung. „Herr Oberst, meine Mutter hat sich das nicht so ausgesucht, Sie wissen nicht, wie das im Dorf ist, und als blutjunge Magd, und der Bauer hinter einem her, und wenn man sich wehrt, fliegt man raus, bitter ist meine Mutter darüber geworden, aber eines lasse ich ihr nicht nachsagen, und das ist das mit der Schweinerei!“ Kaum war es heraus, erschrak sie aufs Tiefste und fügte verängstigt hinzu: „Verzeihung, Herr Oberst. Ich geh schon!“ Sie wandte sich zur Flucht.
„Donnerwetter! Schneid hast du, Mädchen, das muss man dir lassen! Und jetzt dageblieben! Beruhige dich, die ‚Schweinerei’ war nicht auf deine Mutter bezogen sondern auf den, der sie in diese Lage gebracht hat. Bei wem warst du bisher in Stellung?“
Sie hatte schon die Tür erreicht, nun ging sie wieder auf den Herrn Oberst zu, schluckte, suchte sich zu fassen. Endlich würgte sie hervor: „Bei einem Herrn Polizeihauptmann!“ und machte einen Knicks.
„Hauptmann, soso! Da suchst du jetzt den Aufstieg zum Oberst? Rasante Beförderung!“
Unsicher sah sie ihn an, aber gegen das Licht war sein Ausdruck nicht zu erkennen.
„Dann zeig mir dein Dienstbuch!“
Sie hatte sich vorgenommen, ihm alles darzulegen, bevor sie ihm das Buch gab, hatte die Sätze geübt, aber nun streckte sie es ihm wortlos hin. Er schlug es auf. „Nicht kinderlieb, sieh mal einer an!“
„Herr Oberst, das muss ich Ihnen erklären ...“
„Nicht nötig. Stört mich nicht. Kann diese Gören nicht ausstehen, die im Hinterhof und im Treppenhaus randalieren. Aber du bist sehr jung. Traust du dir denn zu, einen Haushalt in Eigenregie zu führen?“
Sie fand die Sprache nicht, nickte nur stumm.
„Und kannst du überhaupt kochen?“, fragte er weiter.
Hieß das, sie hatte wirklich eine Chance?
Langsam atmete sie aus. Sie musste etwas sagen, durfte hier nicht so stumm herumstehen wie eine vom Land, die von nichts eine Ahnung hatte. „Ja, Herr Oberst!“, sagte sie und machte einen Knicks. „Einen Haushalt führen, das kann ich, auch wenn ich jung bin, aber ich hab schon mit fünf Jahren für meinen Lebensunterhalt arbeiten müssen. Und das Kochen hab ich schon daheim gelernt, bei der Frau Lehrer. Und später dann auch bei der Frau Polizeihauptmann, da gab es täglich Fleisch oder Fisch, immer drei Gänge zu Mittag, und am Sonntag fünf!“ Das stimmte zwar genau genommen alles nur zur Hälfte, sie war der gnädigen Frau nur zur Hand gegangen, richtig kochen hatte sie eigentlich nie gelernt. Aber das musste ja wohl zu schaffen sein? Schließlich gab es Kochbücher ...
„Gut, versuchen wir es! Du hast einen Fürsprecher in meinem Burschen, und der muss ja schließlich mit dir auskommen, mich wirst du nicht viel sehen! Du bist engagiert.“

(Seite 34 – 36 und 86 – 89, Taschenbuchausgabe 2013)

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