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Historischer Roman (Teil 2 der Kaiserreich-Trilogie). Thienemann
2007.
Inhalt
Zwei Mädchen
bzw. Frauen an der Schwelle zur Emanzipation stehen im Mittelpunkt
des im Berlin der deutschen Kaiserzeit spielenden Romans: Sophie
von Zietowitz, die als junges Mädchen gegen den Willen
ihrer Mutter die Standesgrenzen überschreitet und den bürgerlichen
Arzt Dr. Friedrich Schneider heiratet, und deren Tochter Charlotte,
die trotz aller Hindernisse, die ihr in den Weg gelegt werden,
als eine der ersten Frauen in Deutschland Abitur machen und
ein Medizinstudium beginnen wird.
Ein Roman aus einer Zeit, in der Mädchen und Frauen überall
an Grenzen stießen – und in der einige von ihnen
immer mehr dagegen aufbegehrten.
Über die Entstehung
noch nicht vorhanden
Rezensionen
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und der Büchnernachlese.
Leseproben
„Der sechzehnte
Geburtstag – da naht ja nun ein ganz besonderer Tag für
dich, Charlotte“, sagte die Großmutter und blickte
Lotte über den Kaffeetisch an. „Das erste Ballkleid,
die erste Ballsaison, der Eintritt in die Gesellschaft, der
endgültige Abschied von der Kindheit. Nun wirst du wirklich
eine junge Dame und musst dich auf dem Parkett bewähren.
Wenn ich an die ersten Bälle deiner Mutter denke! Sie hat
sich hervorragend gehalten, absolut untadelig. Von dir hoffe
ich das doch auch.“
„Ja, Großmama“, antwortete Lotte pflichtschuldig.
Wie sie solche Gespräche hasste!
„Wie macht sie sich denn in der Tanzstunde?“, fragte
Großmama Mama, als sei sie, um die es ging, gar nicht
anwesend. So verhielten sich Erwachsene in Gegenwart von Kindern.
Weil die ja sowieso nicht zählten. Genau wie Dienstboten.
Obwohl Großmama davon sprach, dass sie, Lotte, nun kein
Kind mehr sei, behandelte sie sie immer noch so.
„Gut.“ Mama lächelte ihr wenigstens kurz zu,
ehe sie sich zu Großmama wandte: „Lotte tanzt anmutig
und sicher.“
„Immerhin etwas. Ich hatte schon befürchtet, ihre
mangelnde Musikalität könnte sich auch auf das Tanzen
auswirken“, erwiderte Großmama.
Lotte presste die Zähne zusammen.
„Aber ich meine nicht nur das Tanzen, wie du sehr wohl
weißt“, fuhr Großmama fort. „Es geht
schließlich auch um Haltung, Etikette, Sittsamkeit und
vornehmen Stolz. Es geht um den Eindruck, den sie hinterlässt.
Das Schicksal einer jungen Dame entscheidet sich nun einmal
auf dem Parkett. Ich will doch hoffen, ihr habt drei Karten
für den Presseball?“
„Gewiss haben wir die“, sagte Papa. „Ich werde
es mir doch nicht nehmen lassen, meine reizende Tochter der
Gesellschaft vorzuführen.“ Er lehnte sich behaglich
zurück und zwinkerte Lotte zu.
„Immerhin.“ Großmama nickte befriedigt. „Alles,
was auf sich hält, gibt sich dort die Ehre. Wenn auch kein
Hofball, natürlich, aber so sind nun einmal die Realitäten.
Jedenfalls werden viele junge Offiziere der besten Regimenter
den Ball mit ihrer Anwesenheit schmücken – Ulanen,
Husaren, Garde du Corps. Das wird deine große Bewährungsprobe,
Charlotte.“
„Anfang März habe ich die Abschlussprüfungen
der Höheren Töchterschule“, sagte Lotte. Sie
wusste, dass ihr diese Prüfungen keine Schwierigkeit machen
würden, sie war immer Klassenbeste gewesen und würde
als Klassenbeste mit einer besonderen Belobigung abschließen
– aber trotzdem, einen Ball als einzige Bewährungsprobe
zu bezeichnen, als gäbe es die Schulprüfungen nicht,
war das nicht etwas unverhältnismäßig?
„Abschlussprüfungen!“ Großmama zuckte
die Schultern. „Die bestehst du sowieso. Deine Zeugnisse
waren immer gut, auch wenn deine Leistungen und vor allem deine
Sorgfalt und Hingabe in Nadelarbeiten durchaus zu wünschen
übrig lassen und dein Gesang eine Katastrophe ist, es tut
mir leid, das so deutlich sagen zu müssen. Darin hast du
Vervollkommnung nötig, doch dafür wird das Mädchenpensionat
sorgen, soweit das eben möglich ist. Doch eine junge Dame
wird bekanntlich nicht nach ihren Schulnoten beurteilt, sondern
nach ihrem Aussehen, ihrem gesellschaftlichen Auftreten und
ihrem inneren Adel, und dafür ist so ein Ball ein wahrer
Prüfstein. Und eine Chance, die es zu nutzen gilt.“
Dann wandte Großmama sich an Papa: „Ich hoffe, Friedrich,
du schickst Lotte auf ein Internat? Da herrscht doch ein ganz
anderer Geist, als man es zu Hause erreichen kann, wenn ein
Mädchenpensionat nur tagsüber besucht wird. Sophie
blieb ja leider sogar der Besuch einer solchen Anstalt in Berlin
aus finanziellen Gründen versagt, ich musste diesen pädagogischen
Einfluss durch meine Erziehungsbemühung ersetzen.“
Mädchenpensionat. Lotte hielt den Atem an, streifte das
Gesicht ihres Vaters mit einem kurzen Blick. Dieser schaute
völlig undurchdringlich, mit jener gleichmütigen Höflichkeit,
die er in Gegenwart der Großmutter an den Tag zu legen
pflegte. „Eine Aufgabe, die du mit Vollendung gemeistert
hast, dafür bin ich Zeuge ebenso wie tagtäglicher
Nutznießer“, sagte Papa. Mehr nicht. Mit keinem
Ton nahm er Stellung dazu, was sie, Lotte, anging.
Mädchenpensionat. All ihre Klassenkameradinnen würden
ein solches Pensionat nach Abschluss der Schulzeit besuchen
und dort ihre Sprachkenntnisse und ihre gesellschaftlichen Manieren
vervollkommnen. Manche in Berlin, andere in einem Internat auf
dem Land oder sogar in der französischen Schweiz.
Sie wollte in kein Mädchenpensionat. Sie wollte Abitur
machen. Wenn sie nur wüsste, wie das möglich war!
Seit Jahren, seit sie von Herrn Dr. Wiesenthal gehört hatte,
dass es irgendwo auf der Welt Frauen gab, die Medizin studierten
oder sogar schon fertige Ärztinnen waren, hatte sie den
Wunsch mit sich getragen, Medizin studieren zu dürfen.
Herr Dr. Wiesenthal hatte schließlich gesagt, dass sie
vielleicht eines Tages ebenfalls Ärztin werden könnte,
obwohl die Eltern es nicht hatten hören wollen. Aber sie
hatte es nicht vergessen. In letzter Zeit dachte sie dauernd
daran. Herr Dr. Wiesenthal war eben moderner gewesen als Papa,
obwohl die Art, wie er sie an jenem Abend an der Tür zu
Papas Praxis abgefertigt hatte, als sie mit ihm hatte reden
wollen ... Nein, daran dachte sie nicht gern.
Damals beim Bergwandern in Bayern hatte sie Papa von ihrem Wunsch
erzählt, Ärztin zu werden. Papa hatte gelacht und
gesagt: Warten wir es ab! In ein paar Jahren wirst du von nichts
anderem mehr träumen als von einem schmucken Leutnant,
der um deine Hand anhält.
Doch nun waren ein paar Jahre vorbei und sie hatte ein paar
schmucke Leutnants kennengelernt und die Gymnasiasten, mit denen
sie Tanzstunde machte. Die Leutnants benahmen sich so hölzern,
hochmütig und beschränkt, als wollten sie einem par
tout beweisen, dass sie geistig minderbemittelt seien und nichts
anderes könnten als die Hacken zusammenzuschlagen, eine
albern steife Kopfhaltung einzunehmen und mit schnarrender Stimme,
mit der sie den Ton der älteren Offiziere nachahmten, Plattitüden
von sich zu geben über die Bedeutung der Kriegsmarine und
das deutsche Wesen und die herrlichen Zeiten, denen SM das deutsche
Volk entgegenführten – einer wie der andere. Als
hätten sie alle ihren Verstand und ihre Persönlichkeit
abgegeben, als sie die Uniform angezogen hatten. Nein, von einem
dieser Offiziere träumte sie beim besten Willen nicht.
Unter den Gymnasiasten in ihrer Tanzstunde war zwar einer gewesen,
der ihr hätte gefallen können, Adalbert Levy, ein
Jude, der ihr heimlich Gedichte geschrieben hatte. Die Gedichte
waren schön gewesen, so schön, dass sie sich selbst
ganz besonders und kostbar vorgekommen war. Eine Zeit lang hatte
sie fieberhaft darauf gewartet, dass den Gedichten mehr folgen
sollte, sie wusste nicht, was. Aber es war nichts gefolgt, und
dann waren auch die Gedichte ausgeblieben.
Seit drei Wochen forderte er sie in der Tanzstunde kaum mehr
auf, sondern diese Alice, die zwar zugegebenermaßen ganz
hübsch war mit ihren dunklen Haaren und dunklen Augen und
ihrem herzförmigen Gesicht, aber die immer so albern lachte
und nicht mehr Grips hatte als ein fünfjähriges Kind.
Letztes Mal hatte Lotte gesehen, wie er Alice ein Brieflein
zugesteckt hatte. Wahrscheinlich ein Liebesgedicht. Was er an
dieser Alice fand, war ihr schleierhaft, und von einem, der
einer so dämlichen Gans Briefe schrieb, von so einem wollte
sie jedenfalls keine Gedichte mehr bekommen.
Wenn sie erst Abitur gemacht hatte und Studentin war, würde
sie ihm vielleicht an der Universität begegnen –
er hatte ihr erzählt, er wolle Germanistik studieren -,
und dann würde er schon sehen, was er an ihr verloren hatte.
Dann würde es ihm leidtun. Aber wenn er dann wieder anfing
mit Gedichteschreiben, würde sie sagen: Für so etwas
habe ich keine Zeit mehr, ich studiere Medizin.
Nein, auch von Adalbert Levy träumte sie nicht mehr. Und
wenn, dann waren es Träume, die sie überhaupt nicht
haben wollte.
Sie hatte Papa letzte Woche gesagt, dass es immer noch ihr Wunsch
sei, Medizin zu studieren, und dass sie deshalb gerne Abitur
machen würde, anstatt auf ein Mädchenpensionat zu
gehen. Papa hatte nichts darauf gesagt, einfach nichts. Er hatte
sie ausreden lassen, hatte ihr schweigend zugehört und
dann erklärt: Mach erst einmal deine Prüfungen! In
jenem Ton, bei dem man ganz genau wusste, dass man nicht mehr
nachfragen durfte. Tag für Tag wartete sie nun, dass er
ihr wenigstens ein winziges Zeichen gab, was er darüber
dachte.
Sie wartete vergebens. Auch jetzt ließ er nicht erkennen,
wie er über das Jahr im Mädchenpensionat dachte.
Wenn nur nicht alles so schrecklich kompliziert wäre ...
Konnte man als Mädchen in Berlin überhaupt Abitur
machen? Sie hatte nie davon gehört. Aber in dem Journal,
das Mama las und in dem Lotte manchmal heimlich blätterte,
hatte sie die Anzeigen eines Mädchengymnasiums in Karlsruhe
gesehen, zu dem ein Internat gehörte. Sie war erschrocken
gewesen, wie teuer es dort war: mehr als tausend Mark im Jahr.
Und außerdem war es kein Internat für Mädchen
wie sie, die schon den Abschluss einer Höheren Töchterschule
hatten, sondern für solche, die mit zwölf Jahren aufs
Gymnasium wechselten und dort sechs Jahre bis zum Abitur blieben.
Wenn Papa nur endlich sagen würde, was er von all dem dachte!
Trotz seines Schweigens hatte sie Hoffnung, dass er ihr helfen
würde, irgendwie das Abitur zu bekommen, wenn sie sich
nur bewährte und ihm zeigte, dass es ihr ernst war.
Seit einiger Zeit kam es ihr sogar vor, als ob er sie auf die
Probe stellte. Er verlangte von ihr lauter Sachen zu lernen,
die in der Höheren Töchterschule nicht gelehrt wurden.
Er gab ihr Geschichtsbücher über das klassische Altertum
zu lesen und begann sie plötzlich beim Abendessen über
die Spartaner und ihren Krieg mit den Persern auszufragen oder
über das Strafrecht von Drakon. Und kürzlich hatte
er ihr ein Zoologiebuch in die Hand gedrückt und gesagt:
Ich möchte, dass du die Kurzfassung der Systematik auswendig
lernst.
Sie hatte ihn nicht gefragt, warum er das verlangte. Weil er
ihr sowieso keine Antwort gegeben hätte. Und weil sie eben
das Gefühl hatte, dass es so etwas wie eine Bewährungsprobe
war.
Also lernte sie die zoologische Systematik, jeden Tag, auch
wenn er nicht mehr danach gefragt hatte, aber sie wusste, dass
das plötzlich kommen konnte, aus heiterem Himmel, und dann
würde sie ihm schon beweisen, dass sie nicht kleinzukriegen
war.
Wenn sie ihr Abschlusszeugnis hatte, würde es sich entscheiden.
Dann musste er ihr schließlich eine Antwort geben. Und
wenn er dann sah, dass sie – außer natürlich
in Nadelarbeit und Singen - lauter Einsen hatte, obwohl sie
neben der Schule her noch so vieles andere gelernt hatte, dann
musste er ihr doch erlauben, Ärztin zu werden?
Er lobte sie, wenn er mal wieder mit ihr Latein übte, wie
fleißig sie sei. Inzwischen konnte sie schon Livius lesen
und hatte ein paar kleine Reden von Cicero übersetzt und
viele Ovid-Gedichte auswendig gelernt, und aus dem Deutschen
ins Lateinische übersetzen konnte sie sowieso viel besser
als Wilhelm. Und die unregelmäßigen Verben beherrschte
sie im Schlaf, da ertappte Papa sie nie mehr dabei, dass sie
eines nicht wusste. Das musste ihn doch überzeugen ...
Mama und Großmama redeten inzwischen über ihr Ballkleid,
während Papa sich mit ihren Brüdern über die
feierliche Einweihung des Domes unterhielt, bei der sie vergangene
Woche als Zaungäste dabei gewesen waren, und lächelnd
Richard versprach, dass sie am Sonntag zum Gottesdienst in den
neuen Dom gehen würden, um die kaiserliche Familie zu sehen.
„Und zur Wachablösung bleiben wir auch Unter den
Linden, ja? Und gehen am Straßenrand mit, wenn die Soldaten
mit Musik aufmarschieren“, bettelte Richard, was Papa
mit einem Nicken bestätigte.
Mitten unter denen sitzend, die ihr vertraut und nah waren und
die über Dinge redeten, die sie angingen, fühlte Lotte
sich auf einmal fremd und allein.
Was sollte sie tun, wenn Papa ihr nicht half? Wenn er nicht
erlaubte, dass sie Abitur machte, oder wenn er keine Lösung
wusste, wie das zu erreichen war? Ohne ihn war es unmöglich.
Ohne ihn war überhaupt alles unmöglich. Es gab nichts
Wichtiges, worin er nicht das letzte Wort hatte.
Genau wie in der Sache mit dem Fahrrad ...
Seit Wochen suchte sie nach einer guten Gelegenheit, davon anzufangen.
Aber sie fürchtete, dass er Nein sagen würde, und
wenn Papa erst einmal etwas abgelehnt hatte, war es so gut wie
unmöglich, ihn umzustimmen. Er blieb immer bei seinem Wort
– schon aus Prinzip.
Wilhelm hatte zum Geburtstag ein Fahrrad geschenkt bekommen,
oder eigentlich nicht so sehr zum Geburtstag wie als Belohnung
dafür, dass er sich mit Griechisch so angestrengt hatte,
dass er jetzt immerhin auf „Befriedigend“ stand.
All ihre Einsen im Abschlusszeugnis, die sie doch ganz bestimmt
schaffen würde – sollten die nicht auch so viel wert
sein wie eine Drei in Griechisch?
Aber daran lag es nicht, sie wusste es ja genau. Es lag daran,
dass sie ein Mädchen war. Ihre Eltern waren so schrecklich
altmodisch und streng.
Manche ihrer Klassenkameradinnen durften ohne Eltern, nur mit
einer Freundin, Unter den Linden oder in der Siegesallee flanieren
gehen, den Zirkus oder ein Theater besuchen oder sogar den Vergnügungspark
am Halensee und dort in die Wasserrutschbahn oder in die gewagtesten
Karusselle einsteigen. Sie nicht. Manche durften völlig
allein mit der Stadtbahn, der Ringbahn oder der elektrischen
Hoch- und Untergrundbahn durch ganz Groß-Berlin fahren.
Sie nicht. Und manche durften auch Fahrrad fahren ...
Seit sie Wilhelm vom Fenster ihres Zimmers aus bei seinen Versuchen,
im Hof das Radfahren zu erlernen, beobachtet hatte, und seit
sie gesehen hatte, wie er es plötzlich gekonnt hatte und
einfach auf und davon gefahren war, seither träumte sie
vom Radfahren.
Diese Freiheit ...
„Und, Charlotte?“, fragte die Großmutter.
„Hast du denn schon einen Wunsch zu deinem Geburtstag?“
„Ja, ein Fahrrad“, entfuhr es Lotte, aus ihren Gedanken
auftauchend. Dann erst wurde ihr bewusst, was sie gesagt hatte.
Sie erschrak.
„Ein Fahrrad“, wiederholte die Großmutter
eisig. Schweigen breitete sich am Kaffeetisch aus.
Lotte presste die Zähne zusammen. Wie hatte sie nur so
dumm sein können! Da trug sie Ewigkeiten diesen Wunsch
heimlich mit sich herum, auf eine günstige Gelegenheit
wartend, ihn den Eltern nahezubringen, und dann plapperte sie
ihn unbedacht im ganzen Familienkreis aus, noch dazu in Anwesenheit
der Großmutter!
„Gehörst du jetzt auch zu denen, die den Aufbruch
proben aus Anstand, Sitte und Moral – oder aus den ‚verkrusteten
Formen‘, wie das heutzutage zu heißen beliebt?“,
fragte die Großmutter spitz. „Jetzt fehlt nur noch,
dass du auch die Erlaubnis begehrst, mit den Wandervögeln
ums Lagerfeuer zu sitzen! Olga, die Tochter des vor einem Jahr
verstorbenen Polizeihauptmann Grossmann bei mir im Haus, hat
das letzten Sommer allen Ernstes zustande gebracht: ist als
einzige junge Dame – aber was heißt hier Dame, so
ein Verhalten ist alles andere als damenhaft! – mit einer
ganzen Horde junger Männer auf große Fahrt gegangen,
wie man das ja wohl nennt. Die Witwe Grossmann ist mit der Erziehung
ihrer Kinder völlig überfordert, lässt ihnen
einfach alles durchgehen. Nun, ich hoffe, deine Eltern wissen,
was sie zu tun haben!“
„Von Wandervögeln habe ich nichts gesagt“,
erwiderte Lotte leise. „Auf so eine Idee käme ich
überhaupt nicht.“
„Ach nein? Wie beruhigend!“, meinte Papa. Der Sarkasmus
in seiner Stimme ließ sie das Schlimmste ahnen. „Du
willst nur Fahrrad fahren!“
“Was ist so schlimm daran?“, sprang Wilhelm ihr
bei. „Mens sana in corpore sano. Und bei den alten Griechen
hatte der Sport auch einen wesentlichen Stellenwert in der Bildung.
Übrigens haben wir im Unterricht gelernt, dass das Radfahren
zu den gesündesten Sportarten gehört.“ Wie beiläufig
er zu ihr stand, als sei es die selbstverständlichste Sache
der Welt. „Radfahren trainiert Ausdauer und Kreislauf,
Gleichgewicht und Muskulatur und was nicht noch alles. Und du
hast uns doch in Bayern auch immer den Wert des Bergwanderns
gepredigt, Papa: Bewegung an der frischen Luft, Licht und Sonne
- das hat man doch alles beim Radfahren.“
„Nicht alles, was der Gesundheit dienen mag, ist auch
gesellschaftlich oder pädagogisch wünschenswert“,
entgegnete Papa kühl. „Abgesehen davon, dass das
Radfahren auf den überfüllten Wegen ein nicht unerhebliches
Verletzungspotenzial in sich birgt, zumal angesichts der langen
Röcke der Damen.“
„Dafür gibt es ja die Pumphosen“, wandte Lotte
ein.
„Pumphosen!“, entrüstete sich Großmama.
„Das fehlte gerade noch! Rad fahren in Hosen – genauso
degoutant wie reiten im Herrensattel! Ich bitte dich, Sophie,
sag du etwas!“
„Die Zeiten ändern sich nun mal“, erwiderte
Mama. „Manches, was in meiner Jugend undenkbar oder ein
Skandal gewesen wäre, ist heute schon beinahe eine Selbstverständlichkeit,
und ich meine nicht, dass man dahinter immer gleich den Verfall
der Sitten beargwöhnen muss oder gar den Untergang des
Abendlandes. Schon allein der Sportunterricht! Außer Tanz
und ein wenig leichter Gymnastik im Klassenzimmer hatten wir
in meiner Schulzeit keinen Sport. Das sieht dagegen an Lottes
Schule schon ganz anders aus, und Friedrich hat das aus ärztlicher
Sicht immer begrüßt. Jetzt steht doch die Bewegung
im Freien viel mehr im Vordergrund. Tatsächlich fahren
schon manche der jungen Mädchen aus Lottes Klasse Rad.“
Lotte atmete auf. Dass ihr Hilfe vonseiten ihrer Mutter zuteilwerden
würde, darauf hatte sie gehofft. Manche Dinge verstand
Mama einfach besser als Papa. Vielleicht, weil sie jünger
war. Oder eine Frau. Neuerdings sagte Mama manchmal Sachen,
über die man sich fast wundern konnte.
„Genau!“, stimmte Lotte ein. „Und Ricarda,
meine Freundin, hat auch zum Abschluss ihres Jahres im Mädchenpensionat
ein Fahrrad geschenkt bekommen.“
„Ricarda! Ihre Mutter ist die Tochter eines Kurzwarenhändlers,
wenn ich nicht irre“, sagte die Großmutter. „Das
kommt dabei heraus, wenn man den Umgang seiner Tochter nicht
sorgfältig genug auswählt. Meint ihr etwa, die jungen
Damen der Hofgesellschaft fahren Rad? Aber es ist natürlich
die Frage, wohin man sich orientiert.“
„Verehrte Schwiegermama“, erwiderte Papa mit eiserner
Höflichkeit, „auch ohne den Bezug auf die Hofgesellschaft
bin ich durchaus in der Lage zu beurteilen, was für meine
Tochter gut ist und was nicht.“ Und dann zu Lotte gewandt:
„Was reizt dich am Radfahren, Lotte? Ist es nur die Tatsache,
dass es immer stärker in Mode kommt? Der Sport, die Bewegung?
Oder ist es mehr?“
Sie wollte eine aufrichtige Antwort geben. Weil er ihr Vater
war, auf den sie hoffte, und weil er sie ansah, als würde
ihn ehrlich interessieren, was sie dachte. „Ich stelle
es mir so frei vor“, antwortete sie, nach Worten tastend.
„Fast wie fliegen.“
Er nickte langsam. „Fast wie fliegen“, wiederholte
er. „Den Radius erweitern. Mit wenigen Tritten in die
Pedale den spazieren gehenden Eltern davonfahren. Ungebunden
das Neue erkunden. Freiheit von Aufsicht und Freiheit von Zwängen
– der alte Wunschtraum der Jugend.“
Alles in Lotte wurde weit und warm. Papa verstand es.
„Jede Generation träumt diesen Traum neu“,
fuhr Papa fort. „Nur diese jetzt träumt ihn lauter
denn je eine Jugend vor ihr. Eine ganze Lebensreform will aus
diesem Traum werden, ein eigener Stil, eine neue Kunst, eine
völlig veränderte Lebensführung. Die technischen
und wissenschaftlichen Errungenschaften der Gegenwart, das ist
wahrer Fortschritt im Dienste der Menschheit. Aber mit der Fortführung
dieser Leistungen der Väter gibt sich die Jugend nicht
zufrieden, nein, nichts soll mehr so bleiben, wie meine Generation
es in den Jahren des Aufbaus unseres Kaiserreiches geschaffen
hat.“
„Und alte Werte werden dabei über Bord geworfen wie
überflüssiger Ballast“, stimmte Großmama
zu. „Allein diese jungen Frauen! Fordern das Wahlrecht,
den Zugang zu den Universitäten und die Berufstätigkeit
der Frau und schreiben sich den Namen Marie Curie aufs Panier.
Einen Nobelpreis für eine Frau – früher war
eine Frau glücklich, ihrem Mann den Freiraum für seine
Leistung zu schaffen, und begehrte nicht eigenen Ruhm. Aber
heute meinen die jungen Frauen, sie müssten öffentliche
Reden halten und als Schriftstellerinnen, Malerinnen oder gar
Sportlerinnen in Erscheinung treten. Fahrrad fahren in Pumphosen!“
Sie warf Lotte einen vernichtenden Blick zu.
„Womit wir wieder beim Thema wären“, erklärte
Papa. „Schlag dir ein Fahrrad aus dem Kopf, Lotte. Noch
stehst du unter meiner Gewalt und ich bestimme, was sich für
dich schickt und was nicht. Rad fahren jedenfalls nicht. Folglich
wirst du mit der Verwirklichung dieses Traumes bis zu deinem
einundzwanzigsten Geburtstag warten müssen.“
„Aber ...“, flüsterte sie.
„Wenn du volljährig bist, kannst du Fahrrad fahren.
Nicht einen Tag eher“, wiederholte er mit Bestimmtheit.
Lotte warf die Serviette auf den Tisch. Sprang auf. Stürzte
aus dem Raum.
„Was für ein unerträgliches Benehmen“,
hörte sie die Stimme ihrer Großmutter, ehe die Tür
hinter ihr zufiel. „Mit so einem Verhalten macht sie dem
Namen Zietowitz wahrhaftig keine Ehre. Nicht einmal dem Namen
Schneider.“
Lotte rannte in ihr Zimmer.
Papa! Nie wusste man, woran man bei ihm war. Mal war er für
sie, mal gegen sie. Manchmal fortschrittlich und aufgeschlossen
und dann wieder so altmodisch, stur und borniert, dass man hätte
schreien können. Da hatte sie geglaubt, er würde sie
verstehen – und dann das! Er behandelte sie, als sei sie
ein kleines Kind. Mit Sicherheit würde er sie für
ihr Verhalten zur Rede stellen, wahrscheinlich bestrafen, eben
wie ein kleines Kind. Sollte er doch. Es war ihr gleich. Er
begriff ja sowieso nichts.
Von Großmama war es nicht anders zu erwarten, die war
eben so. Aber Papa!
Wenn er ihr nicht einmal erlaubte, Fahrrad zu fahren, würde
er ihr erst recht nicht erlauben, Abitur zu machen und Medizin
zu studieren. Und diese selbstherrliche Art, seine Entscheidungen
zu fällen und zu verkünden, anstatt wirklich mit ihr
zu reden! Er lernte mit ihr Latein, er lobte sie für ihre
Fortschritte, er ließ sie alle möglichen Lehrbücher
auswendig lernen, aber er nahm sie nicht ernst – oder
nur, wenn es ihm gerade passte. Ich werde es mir doch nicht
nehmen lassen, meine reizende Tochter der Gesellschaft vorzuführen
...
Als sei sie ein Zirkuspferd.
Und das alles nur, weil sie ein Mädchen war.
Sie wünschte, sie hätte einen anderen Vater. Oder
gar keinen.
(Seite 353 – 366)
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