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Berlin, Bülowstraße 80a
     
 

Historischer Roman (Teil 2 der Kaiserreich-Trilogie). Thienemann 2007, Edition Gegenwind 2014: als E-Book bei neobooks, als Taschenbuch bei CreateSpace/Amazon

Inhalt

Zwei Mädchen bzw. Frauen an der Schwelle zur Emanzipation stehen im Mittelpunkt des im Berlin der deutschen Kaiserzeit spielenden Romans: Sophie von Zietowitz, die als junges Mädchen gegen den Willen ihrer Mutter die Standesgrenzen überschreitet und den bürgerlichen Arzt Dr. Friedrich Schneider heiratet, und deren Tochter Charlotte, die trotz aller Hindernisse, die ihr in den Weg gelegt werden, als eine der ersten Frauen in Deutschland Abitur machen und ein Medizinstudium beginnen wird.

Ein Roman aus einer Zeit, in der Mädchen und Frauen überall an Grenzen stießen – und in der einige von ihnen immer mehr dagegen aufbegehrten.

Über die Entstehung

Nachdem ich in dem Roman „In Berlin vielleicht“ Frauengeschichte im Deutschen Kaiserreich aus dem Blickwinkel eines Dienstmädchens erzählt hatte, reizte es mich sehr, mich im Gegenzug in die Perspektive der „Herrschaften“ hineinzuversetzen. Je länger ich recherchierte, desto mehr beschäftigten mich die Einschränkungen, denen bürgerliche Frauen um 1900 ausgesetzt waren, desto mehr beeindruckte mich aber auch der Kampf um mehr Selbstbestimmung und um Bildungschancen, den einige von ihnen aufnahmen. Und so entstanden die Figuren des 2. Bandes meiner Kaiserreich-Trilogie.

Rezensionen

Der Roman sei „ebenso gut recherchiert wie bereits der erste Band“, urteilt Annette Zerpner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.5.2008.

„Ein ergreifender, spannend erzählter, unterhaltsamer Roman.“ (Sonja Schmid in bvMedien Nr. 269028)

„Ein äußerst fesselnder und gut recherchierter Roman.“ (Stefanie Preiner in BibliotheksNachrichten 5/2007)

Der Roman „beschreibt treffend die Anfänge und Konflikte der Emanzipation“. (Jana Kastner, Esslinger Zeitung, 20.2.2008)

„Die klare Frauenperspektive, die genaue Schilderung der verschiedenen sozial klassifizierten Frauenleben“ würden den Roman „zu einem politischen und historischen Dokument“ machen, urteilt Christiane Thiel (Der evangelische Buchberater, 4/2007).

„Gerade diese Widersprüche einer weiblichen Identität am Übergang zu einer neuen Zeit“ zeige der Roman differenziert auf, schreibt Christine Lötscher (Eselsohr 7/2007).

„Eine lebendige Einführung in die Anfänge von Frauenbewegung und Frauenbildung.“ (Andrea Mecke in 1000 und 1 Buch, 5/2007)

Online-Rezensionen zu dem Roman finden Sie auf den Seiten des des Deutschland-Radio und der Büchernachlese.

Leseprobe

„Der sechzehnte Geburtstag – da naht ja nun ein ganz besonderer Tag für dich, Charlotte“, sagte die Großmutter und blickte Lotte über den Kaffeetisch an. „Das erste Ballkleid, die erste Ballsaison, der Eintritt in die Gesellschaft, der endgültige Abschied von der Kindheit. Nun wirst du wirklich eine junge Dame und musst dich auf dem Parkett bewähren. Wenn ich an die ersten Bälle deiner Mutter denke! Sie hat sich hervorragend gehalten, absolut untadelig. Von dir hoffe ich das doch auch.“

„Ja, Großmama“, antwortete Lotte pflichtschuldig. Wie sie solche Gespräche hasste!

„Wie macht sie sich denn in der Tanzstunde?“, fragte Großmama Mama, als sei sie, um die es ging, gar nicht anwesend. So verhielten sich Erwachsene in Gegenwart von Kindern. Weil die ja sowieso nicht zählten. Genau wie Dienstboten. Obwohl Großmama davon sprach, dass sie, Lotte, nun kein Kind mehr sei, behandelte sie sie immer noch so.

„Gut.“ Mama lächelte ihr wenigstens kurz zu, ehe sie sich zu Großmama wandte: „Lotte tanzt anmutig und sicher.“

„Immerhin etwas. Ich hatte schon befürchtet, ihre mangelnde Musikalität könnte sich auch auf das Tanzen auswirken“, erwiderte Großmama.

Lotte presste die Zähne zusammen.

„Aber ich meine nicht nur das Tanzen, wie du sehr wohl weißt“, fuhr Großmama fort. „Es geht schließlich auch um Haltung, Etikette, Sittsamkeit und vornehmen Stolz. Es geht um den Eindruck, den sie hinterlässt. Das Schicksal einer jungen Dame entscheidet sich nun einmal auf dem Parkett. Ich will doch hoffen, ihr habt drei Karten für den Presseball?“

„Gewiss haben wir die“, sagte Papa. „Ich werde es mir doch nicht nehmen lassen, meine reizende Tochter der Gesellschaft vorzuführen.“ Er lehnte sich behaglich zurück und zwinkerte Lotte zu.

„Immerhin.“ Großmama nickte befriedigt. „Alles, was auf sich hält, gibt sich dort die Ehre. Wenn auch kein Hofball, natürlich, aber so sind nun einmal die Realitäten. Jedenfalls werden viele junge Offiziere der besten Regimenter den Ball mit ihrer Anwesenheit schmücken – Ulanen, Husaren, Garde du Corps. Das wird deine große Bewährungsprobe, Charlotte.“

„Anfang März habe ich die Abschlussprüfungen der Höheren Töchterschule“, sagte Lotte. Sie wusste, dass ihr diese Prüfungen keine Schwierigkeit machen würden, sie war immer Klassenbeste gewesen und würde als Klassenbeste mit einer besonderen Belobigung abschließen – aber trotzdem, einen Ball als einzige Bewährungsprobe zu bezeichnen, als gäbe es die Schulprüfungen nicht, war das nicht etwas unverhältnismäßig?

„Abschlussprüfungen!“ Großmama zuckte die Schultern. „Die bestehst du sowieso. Deine Zeugnisse waren immer gut, auch wenn deine Leistungen und vor allem deine Sorgfalt und Hingabe in Nadelarbeiten durchaus zu wünschen übrig lassen und dein Gesang eine Katastrophe ist, es tut mir leid, das so deutlich sagen zu müssen. Darin hast du Vervollkommnung nötig, doch dafür wird das Mädchenpensionat sorgen, soweit das eben möglich ist. Doch eine junge Dame wird bekanntlich nicht nach ihren Schulnoten beurteilt, sondern nach ihrem Aussehen, ihrem gesellschaftlichen Auftreten und ihrem inneren Adel, und dafür ist so ein Ball ein wahrer Prüfstein. Und eine Chance, die es zu nutzen gilt.“ Dann wandte Großmama sich an Papa: „Ich hoffe, Friedrich, du schickst Lotte auf ein Internat? Da herrscht doch ein ganz anderer Geist, als man es zu Hause erreichen kann, wenn ein Mädchenpensionat nur tagsüber besucht wird. Sophie blieb ja leider sogar der Besuch einer solchen Anstalt in Berlin aus finanziellen Gründen versagt, ich musste diesen pädagogischen Einfluss durch meine Erziehungsbemühung ersetzen.“

Mädchenpensionat. Lotte hielt den Atem an, streifte das Gesicht ihres Vaters mit einem kurzen Blick. Dieser schaute völlig undurchdringlich, mit jener gleichmütigen Höflichkeit, die er in Gegenwart der Großmutter an den Tag zu legen pflegte. „Eine Aufgabe, die du mit Vollendung gemeistert hast, dafür bin ich Zeuge ebenso wie tagtäglicher Nutznießer“, sagte Papa. Mehr nicht. Mit keinem Ton nahm er Stellung dazu, was sie, Lotte, anging.

Mädchenpensionat. All ihre Klassenkameradinnen würden ein solches Pensionat nach Abschluss der Schulzeit besuchen und dort ihre Sprachkenntnisse und ihre gesellschaftlichen Manieren vervollkommnen. Manche in Berlin, andere in einem Internat auf dem Land oder sogar in der französischen Schweiz.

Sie wollte in kein Mädchenpensionat. Sie wollte Abitur machen. Wenn sie nur wüsste, wie das möglich war!

Seit Jahren, seit sie von Herrn Dr. Wiesenthal gehört hatte, dass es irgendwo auf der Welt Frauen gab, die Medizin studierten oder sogar schon fertige Ärztinnen waren, hatte sie den Wunsch mit sich getragen, Medizin studieren zu dürfen. Herr Dr. Wiesenthal hatte schließlich gesagt, dass sie vielleicht eines Tages ebenfalls Ärztin werden könnte, obwohl die Eltern es nicht hatten hören wollen. Aber sie hatte es nicht vergessen. In letzter Zeit dachte sie dauernd daran. Herr Dr. Wiesenthal war eben moderner gewesen als Papa, obwohl die Art, wie er sie an jenem Abend an der Tür zu Papas Praxis abgefertigt hatte, als sie mit ihm hatte reden wollen ... Nein, daran dachte sie nicht gern.

Damals beim Bergwandern in Bayern hatte sie Papa von ihrem Wunsch erzählt, Ärztin zu werden. Papa hatte gelacht und gesagt: Warten wir es ab! In ein paar Jahren wirst du von nichts anderem mehr träumen als von einem schmucken Leutnant, der um deine Hand anhält.

Doch nun waren ein paar Jahre vorbei und sie hatte ein paar schmucke Leutnants kennengelernt und die Gymnasiasten, mit denen sie Tanzstunde machte. Die Leutnants benahmen sich so hölzern, hochmütig und beschränkt, als wollten sie einem par tout beweisen, dass sie geistig minderbemittelt seien und nichts anderes könnten als die Hacken zusammenzuschlagen, eine albern steife Kopfhaltung einzunehmen und mit schnarrender Stimme, mit der sie den Ton der älteren Offiziere nachahmten, Plattitüden von sich zu geben über die Bedeutung der Kriegsmarine und das deutsche Wesen und die herrlichen Zeiten, denen SM das deutsche Volk entgegenführten – einer wie der andere. Als hätten sie alle ihren Verstand und ihre Persönlichkeit abgegeben, als sie die Uniform angezogen hatten. Nein, von einem dieser Offiziere träumte sie beim besten Willen nicht. […]

Sie hatte Papa letzte Woche gesagt, dass es immer noch ihr Wunsch sei, Medizin zu studieren, und dass sie deshalb gerne Abitur machen würde, anstatt auf ein Mädchenpensionat zu gehen. Papa hatte nichts darauf gesagt, einfach nichts. Er hatte sie ausreden lassen, hatte ihr schweigend zugehört und dann erklärt: Mach erst einmal deine Prüfungen! In jenem Ton, bei dem man ganz genau wusste, dass man nicht mehr nachfragen durfte. Tag für Tag wartete sie nun, dass er ihr wenigstens ein winziges Zeichen gab, was er darüber dachte.

Sie wartete vergebens. Auch jetzt ließ er nicht erkennen, wie er über das Jahr im Mädchenpensionat dachte.

Wenn nur nicht alles so schrecklich kompliziert wäre ...

Konnte man als Mädchen in Berlin überhaupt Abitur machen? Sie hatte nie davon gehört. Aber in dem Journal, das Mama las und in dem Lotte manchmal heimlich blätterte, hatte sie die Anzeigen eines Mädchengymnasiums in Karlsruhe gesehen, zu dem ein Internat gehörte. Sie war erschrocken gewesen, wie teuer es dort war: mehr als tausend Mark im Jahr. Und außerdem war es kein Internat für Mädchen wie sie, die schon den Abschluss einer Höheren Töchterschule hatten, sondern für solche, die mit zwölf Jahren aufs Gymnasium wechselten und dort sechs Jahre bis zum Abitur blieben.

Wenn Papa nur endlich sagen würde, was er von all dem dachte! Trotz seines Schweigens hatte sie Hoffnung, dass er ihr helfen würde, irgendwie das Abitur zu bekommen, wenn sie sich nur bewährte und ihm zeigte, dass es ihr ernst war.

Seit einiger Zeit kam es ihr sogar vor, als ob er sie auf die Probe stellte. Er verlangte von ihr lauter Sachen zu lernen, die in der Höheren Töchterschule nicht gelehrt wurden. Er gab ihr Geschichtsbücher über das klassische Altertum zu lesen und begann sie plötzlich beim Abendessen über die Spartaner und ihren Krieg mit den Persern auszufragen oder über das Strafrecht von Drakon. Und kürzlich hatte er ihr ein Zoologiebuch in die Hand gedrückt und gesagt: Ich möchte, dass du die Kurzfassung der Systematik auswendig lernst.

Sie hatte ihn nicht gefragt, warum er das verlangte. Weil er ihr sowieso keine Antwort gegeben hätte. Und weil sie eben das Gefühl hatte, dass es so etwas wie eine Bewährungsprobe war.

Also lernte sie die zoologische Systematik, jeden Tag, auch wenn er nicht mehr danach gefragt hatte, aber sie wusste, dass das plötzlich kommen konnte, aus heiterem Himmel, und dann würde sie ihm schon beweisen, dass sie nicht kleinzukriegen war.

Wenn sie ihr Abschlusszeugnis hatte, würde es sich entscheiden. Dann musste er ihr schließlich eine Antwort geben. Und wenn er dann sah, dass sie – außer natürlich in Nadelarbeit und Singen - lauter Einsen hatte, obwohl sie neben der Schule her noch so vieles andere gelernt hatte, dann musste er ihr doch erlauben, Ärztin zu werden?

Er lobte sie, wenn er mal wieder mit ihr Latein übte, wie fleißig sie sei. Inzwischen konnte sie schon Livius lesen und hatte ein paar kleine Reden von Cicero übersetzt und viele Ovid-Gedichte auswendig gelernt, und aus dem Deutschen ins Lateinische übersetzen konnte sie sowieso viel besser als Wilhelm. Und die unregelmäßigen Verben beherrschte sie im Schlaf, da ertappte Papa sie nie mehr dabei, dass sie eines nicht wusste. Das musste ihn doch überzeugen ...

Mama und Großmama redeten inzwischen über ihr Ballkleid, während Papa sich mit ihren Brüdern über die feierliche Einweihung des Domes unterhielt, bei der sie vergangene Woche als Zaungäste dabei gewesen waren, und lächelnd Richard versprach, dass sie am Sonntag zum Gottesdienst in den neuen Dom gehen würden, um die kaiserliche Familie zu sehen.

„Und zur Wachablösung bleiben wir auch Unter den Linden, ja? Und gehen am Straßenrand mit, wenn die Soldaten mit Musik aufmarschieren“, bettelte Richard, was Papa mit einem Nicken bestätigte.

Mitten unter denen sitzend, die ihr vertraut und nah waren und die über Dinge redeten, die sie angingen, fühlte Lotte sich auf einmal fremd und allein.

 (Berlin, Bülowstraße 80 a, Edition Gegenwind 2014, Seite 208 – 212)

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