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Die Kette der Dragomira
     
 

Historisches Jugendbuch (Slawen Norddeutschlands im Frühmittelalter), mit einem Nachwort von Dr. Ingo Gabriel. Arena Verlag, 1989. Überarbeitete Neuausgabe Edition Gegenwind bei BoD Norderstedt, 2015. Auch zum Download als E-Book erhältlich. Ab 12 Jahren.

Inhalt

Er konnte es nicht glauben, dass er von zu Hause weggehen musste, ganz alleine mitten unter die Feinde …

Als der Fürstensohn Niklot als Geisel an den fernen Königshof in Starigard ziehen muss, schenkt ihm Dragomira zum Abschied ihre Halskette. Doch gerade diese Kette wird ihm beinahe zum Verhängnis.

Ein spannendes Abenteuer bei den Slawen Norddeutschlands im frühen Mittelalter.

Über die Entstehung

Eine Reise im Jahr 1987 zu Verwandten in die damalige DDR – zu einem Zeitpunkt, als ich nicht gewagt hätte, mit einer baldigen deutschen Wiedervereinigung zu rechnen –, brachte mir die deutsche Teilung besonders schmerzhaft ins Bewusstsein. Zugleich kam ich damals erstmals mit den Bodendenkmälern und Hinterlassenschaften der slawischen Geschichte in Berührung und begann mich für die slawische Vergangenheit Norddeutschlands zu interessieren. Gemeinsam aus diesen beiden Erlebnissen, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun hatten, entstand die Idee zu diesem Buch, in dem Trennung, althergebrachte Feindschaft, Freundschaft zwischen Feinden und die Sehnsucht nach einem dauerhaften Frieden eine große Rolle spielen.

Rezensionen

"Mit großer historischer Genauigkeit geschrieben." ("Der Reporter", 5.4.1989)

"Ausgezeichnet". Verena Labhardt, "Das neue Jugendbuch" 1990/3 + 4 (Basler Jugendschriftenkommission)

"Spannende Handlung", "einfühlsame Schilderung der Gefühle eines Jungen", "gut recherchiert, interessant gestaltet" bescheinigt der ekz-Informationsdienst dem Buch (BA 7/89).

Die Handlung sei "über weite Strecken so faszinierend, dass das Buch mehr als Abenteuer-Erzählung denn als historische Information" zu sehen sei, urteilt "Der evangelische Buchberater" 3/89

Die Geschichte Niklots könne Authentizität beanspruchen, schreibt Brigitta Mogge in "Der Rheinische Merkur" vom 17.3.1989

Leseprobe

So schnell er konnte, rannte Niklot aus der Burg und den Weg hinunter. Doch am oberen Dorf hielt er nicht auf die Brücke zu, sondern nach Westen auf die Fähre. So würde er rascher zu seinem Vater gelangen. Warum wohl der Vater nur mit so kleinem Gefolge daherkam? Warum er nicht die ganze Schar der adligen Reiter hinter sich hatte, wenn schon nicht das Fußvolk der Bauernkrieger?

Niklot ließ sich vom Fährmann übersetzen, sprang schon auf den Landesteg, ehe die Fähre richtig angelegt hatte, und lief weiter. Mit der Zeit kam er außer Atem. Endlich stand er vor den Reitern. Diese zügelten ihre Pferde und hielten an.

Nach Luft ringend grüßte Niklot und rief: »Vater, ich wusste, dass du siegen würdest! Ich bin so froh, dass du wieder da bist!«

Der Vater schaute ihn merkwürdig an. Dann stieg er vom Pferd, warf einem der Begleiter die Zügel zu und sagte zu den Männern: »Reitet voraus! Ich komme mit meinem Sohn zu Fuß nach.«

Niklot starrte seinen Vater mit offenem Mund an. Das war ein seltsames Verhalten für einen siegreich aus dem Krieg heimkehrenden Heerführer! Der sollte doch eigentlich im Triumph an der Spitze seines Gefolges in die Burg einreiten. Aber schön war es doch.

Der Vater legte ihm den Arm um die Schultern und sah den davonreitenden Kriegern nach. Dann sagte er leise: »Niklot, du bist mein einziger Sohn, mein einziges Kind. Habe ich dir jemals gesagt, was du mir bedeutest?« Niklot schüttelte den Kopf.

Der Vater war so anders als sonst.

»Dann sage ich es dir jetzt. Und du darfst es nie vergessen, hörst du, Niklot, niemals, was auch immer geschieht! Du bedeutest mir mehr als mein Leben. Weit mehr als mein eigenes Leben.«

Was konnte man darauf sagen? Dass man darüber glücklich war? Dazu war die Stimme des Vaters viel zu ernst gewesen. Täuschte er sich, oder schimmerten die Augen des Vaters feucht? Ein Verdacht kroch in Niklot hoch. Er fragte zögernd: »Vater, hast du nicht gesiegt?«

»Nein. Ich habe nicht gesiegt. Dieser Krieg war von uns nicht zu gewinnen. Die Abodriten waren zu mächtige Gegner.«

»Aber …, aber warum kommst du dann nach Hause? Warum sind die Feinde nicht hier und belagern unsere Burg?«

»Weil wir einen Waffenstillstand geschlossen haben. Einen Waffenstillstand für fünf Jahre. Weißt du, was das bedeutet?«

Niklot nickte: »Natürlich! Dass nicht gekämpft wird.«

»Und wenn nun die beiden Gegner, die den Waffenstillstand geschlossen haben, nicht gleich stark waren? Was ist dann?«

»Dann muss der Schwächere dafür zahlen!«

»Was zahlen?«

»Nun …« Niklot zögerte. »Vielleicht Silber und Eisen und Leintücher und Vieh und Getreide …«

»Und welche Sicherheit hat der Stärkere dafür, dass der Schwächere ihm das auch zahlt? Nicht nur sofort, sondern auch im zweiten Jahr und im dritten und im vierten und im fünften?«

Niklot wunderte sich. Warum fragte der Vater ihn in so dringendem Ton etwas, was so klar auf der Hand lag? Er zuckte die Achseln: »Er lässt sich Geiseln stellen.«

»Ja, Niklot, er lässt sich Geiseln stellen«, wiederholte der Vater und strich ihm durchs Haar. Sein Gesicht war furchtbar ernst. »Er lässt sich eine Geisel stellen, die seinem schwächeren Gegner sehr viel wert ist, mehr wert ist als sein eigenes Leben.«

Erst konnte Niklot gar nichts denken. Er hörte nur das Blut in den Ohren. Dann umklammerte er den Arm seines Vaters und stammelte: »Vater, Vater, du meinst doch nicht …, du meinst doch nicht – mich?«

»Doch, Niklot. Ich meine dich. Pribyslaw, der Großkönig der Abodriten, verlangt es. Ich muss dich als Geisel dafür hergeben, dass wir die Bedingungen des Waffenstillstandes einhalten. Morgen schon muss ich dich ins Heerlager der Abodriten bringen. Wenn sie abziehen, werden sie dich mit sich nehmen. Für fünf Jahre. Ich musste darauf eingehen. Ich hatte keine andere Wahl.«

(Seite 24 – 26)

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