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Historisches Kinderbuch. Thienemann 2010. Ab 11 Jahren.
Inhalt
Flößer will Hans werden wie sein Vater, stark
und furchtlos. Doch seine Träume scheinen unerfüllbar,
denn die Zeiten sind hart und seine Familie gerät in
Not. Als der Vater ins ferne Mannheim aufbricht und nichts
mehr von sich hören lässt, schickt die Mutter ihren
Ältesten hinterher, allein. Mutig stellt sich Hans der
Herausforderung seines Lebens.
Eine Geschichte vom Überleben - aus einer Zeit, in der
man Holz noch gefahrvoll mit Flößen transportierte,
in der aber auch schon die ersten Eisenbahnen gebaut und Kinder
in Fabriken ausgebeutet wurden.
Über die Entstehung
Eine Lesereise in den nördlichen Schwarzwald brachte
mich zum ersten Mal mit der Geschichte der Flößerei
in Berührung. Während ich in der Nähe von Altensteig
am Flüsschen Nagold an dem nach altem Vorbild wiedererrichteten
Wehr stand und über die Länge der Flöße
staunte, die laut Informationstafel einst von dort bis nach
Mannheim fuhren, kam mir die Idee, ein Buch zu schreiben,
in dem die Flößerei eine Rolle spielte. Ein Junge
sollte die Hauptfigur sein. Vielleicht würde er Hans
heißen …
Wiederholte Fahrten in verschiedene Regionen des Schwarzwalds
und nach Mannheim, viele Museumsbesuche, das Lesen großer
Stapel von Fachbüchern und das Recherchieren unzähliger
Details waren dann nötig, vor allem aber ein langes Träumen
mit offenen Augen und etliche Überarbeitungen des Manuskriptes,
ehe die Geschichte von Hans in ihrer endgültigen Form
Gestalt annahm.
Rezensionen
In der TV-Sendung quergelesen vom 1.5.2011 im kika wurde
mein Buch Schwarzes Wasser empfohlen. Im Zusammenhang mit
dem Thema Film hieß es dabei zu Schwarzes Wasser, wer
einen guten, einen oskarverdächtigen Film drehen wolle,
brauche eine richtig gute Story: "Und eine richtig tolle
Story steckt in diesem Buch." (externer
Link zu quergelesen).
„Schwarzes Wasser ist ein aufwühlender Abenteuerroman
aus der Zeit großer Umbrüche.“ (Münchner
Merkur, 11.12.2010)
Susanne Vollberg im Bulletin Jugend & Literatur 2/2011
nennt den Roman „eine Geschichte über den Alltag
und die Hoffnungen der Mittellosen“ und empfiehlt ihn
wärmsten für jeden, der „sich im Geschichtsunterricht
hin und wieder langweilt.“
Im Deutschlandfunk wurde der Roman am 15.1.2011 in der Sendung
„Bücher für junge Leser“ besprochen.
Tilman Spreckelsen nannte darin die Vatersuche von Hans eine
Geschichte, die ihn „sehr gepackt“ habe. Sylvia
Schwab sprach dem Roman eine „ungeheure Freude am Detail“
zu, er sei einerseits Zeitgeschichte, andererseits aber „ganz
nah an den Menschen und den Dingen dran“ und habe sie
deshalb „sehr fasziniert und sehr interessiert“.
Verschiedene Rezensionen der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur
und Medien der GEW, die auch auf den historischen Hintergrund
der Geschichte Bezug nehmen, können unter dem Link AJuM
nachgelesen werden. Hier nur einige kurze Ausschnitte aus
diesen Rezensionen: „Sehr lebendig und spannend“
(AJuM Nordrhein-Westfalen, Gas), „eine authentische
Geschichte“ (AJuM Hessen, Spra), „ein höchst
empfehlenswertes Buch“ (AJuM Berlin, hewi), „ein
Buch der Extraklasse“ und „ein Buch, das den Leser
zum Nachdenken herausfordert“ (AJuM Rheinland-Pfalz,
RPPO).
Leseproben
Er müsste längst umkehren, es wurde bald dunkel.
Hier im Wald unter den Tannen war es schon duster. Aber die
Pfifferlinge hoben sich hell vom Waldboden ab, die sah man
noch immer. Schnell die hier noch sammeln. Und die dort drüben.
Und wenn er noch ein Stück weiter den Steilhang hinabkletterte,
wäre er gleich bei der besten Stelle, die er noch vom
letzten Jahr her wusste. Aber dann nichts wie heim!
Er war tief im Wald und wenn es finster wurde, fand man nicht
mehr heraus.
Die Mutter hatte nicht zulassen wollen, dass er den Vater
ein Stück begleitete. Erst als der Vater gesagt hatte,
dass es noch Steinpilze gäbe, hatte sie es erlaubt. Wie
der Vater ihm dabei zugezwinkert hatte, nur mit einem Auge,
sodass die Mutter es nicht sah …
Heidi und Vroni, seine beiden jüngeren Schwestern, hatten
auch gleich mit gewollt. Aber nicht gedurft. Die kannten sich
mit Pilzen und dem Wald eben noch nicht so gut aus wie er.
Und jemand musste ja der Mutter beim Flachshecheln helfen.
Am Steg über den Finstergrund hatte Hans sich vom Vater
getrennt. Der Vater hatte noch einen weiten Weg zu dem Waldgebiet
vor sich, in dem er endlich wieder Arbeit als Holzfäller
gefunden hatte. Nun streifte Hans fernab von jedem Weg allein
durch den Forst, ohne einem Menschen zu begegnen. Dafür
hatte er Rehe gesehen und sogar einen Hirsch mit kapitalem
Geweih.
Hans bückte sich nach den Pfifferlingen, schnitt sie
mit seinem Messer ab und legte sie in den Sack. Mit Pilzen
machte ihm keiner was vor: Die zu unterscheiden, hatte er
vom Vater gelernt. Er wusste genau, welche giftig waren und
welche man essen konnte und wo sie wuchsen. Beim Abschied
am Finstergrund hatte der Vater ihm die beste Stelle für
Steinpilze verraten.
Hans hatte den beschriebenen Fleck unter den Fichten oberhalb
des kleinen Wasserfalls mühelos gefunden und seinen Sack
schon halbvoll mit Steinpilzen. Nun musste er ihn nur noch
restlos mit Pfifferlingen auffüllen.
Hans kletterte den Hang weiter hinab. Es war so steil, dass
er ins Rutschen kam. Rasch hielt er sich an einer Baumwurzel
fest, bekam einen Ast zu fassen und ließ sich daran
hinunter. Er hatte es doch gewusst! Hier wuchsen die Pfifferlinge
dicht an dicht. Er schnitt sie ab und schnallte sich den gefüllten
Sack auf den Rücken. Eben wollte er die steile Stufe
wieder hinaufklettern und den Weg suchen, da stockte er. Was
war das dort unter der jungen Buche?
Unwillkürlich duckte er sich. Langsam pirschte er näher.
Etwas zuckte dort im herabgefallenen Laub. Etwas Braunes.
Und dann leuchtete ein heller Fleck.
Auf einmal war sein Hals ganz trocken. Ein Hase. Gefangen
in einer Falle. Vergebens versuchte das Tier sich zu befreien
und zappelte verzweifelt. Dann lag es wieder still.
Hans stand starr. Fallenstellen – das tat kein Jäger.
Das tat nur ein Wilderer. Und Wilderei stand streng unter
Strafe. Ein Wilddieb, der sich erwischen ließ, kam ins
Zuchthaus, davon hatte er reden hören.
Einem Dieb wegzunehmen, was dem sowieso nicht gehörte,
war doch eigentlich kein Diebstahl, oder? Hans fasste das
Messer fester. Hasenbraten mit Pilzen … Besser als Weihnachten.
Seit Monaten hatte es daheim kein Fleisch mehr gegeben. Weil
der Vater diesen Sommer manchmal keine Arbeit gehabt hatte.
Und weil das Geld vorn und hinten fehlte, wie die Mutter klagte.
Hans kniete nieder, den Blick auf die Kehle des Hasen geheftet.
Da sah er durch das Fell, wie hoch und schnell die Halsschlagader
pochte. Bestimmt hatte der Hase Angst. Und diese Augen …
Wenn der Hase ihn doch nicht ansehen würde! Hans ließ
das Messer wieder sinken und steckte es weg. Er konnte es
nicht, unmöglich.
Mit zitternden Händen befreite er das Tier aus der Falle.
Einen Augenblick lag es noch still, dann versuchte es zu fliehen.
Doch schon nach der ersten Bewegung brach es hilflos zusammen.
Jetzt erst sah Hans: Die Vorderläufe des Hasen waren
seltsam verdreht. Gebrochen durch die Falle.
Hans stöhnte auf. Tränen schossen ihm in die Augen.
Was für eine Gemeinheit, einem Tier so etwas anzutun!
Da hörte er ein Bellen. Er fuhr herum. Von links unten
am Hang kam das Bellen und näherte sich rasch. Durch
den dichten Mischwald, in dem nachwachsende Bäume die
Lücken zwischen den hohen Stämmen der alten Tannen
und Buchen füllten, konnte Hans den Hund nicht sehen,
aber es war ihm klar: Hier mitten im Wald, weit ab von jedem
Weg, stieg kein Glasträger, Uhrenverkäufer oder
Hausierer den Berg herauf – niemand, der sich bei seiner
weiten Wanderung zum Schutz von einem Hund begleiten lassen
mochte. Und ein Hirte mit Herde und Hütehund war hier
schon gar nicht unterwegs.
Es konnte nur der Hund des Jägers sein, der da bellte.
Und der Jäger ging mit seiner Büchse nicht nur deshalb
durchs Revier, um Wild zu schießen, sondern ebenso,
um Wilddiebe zu fassen.
Wenn der ihn hier überraschte, neben dem verletzten Tier
– würde er gleich schießen? Das wohl nicht?
Aber jedenfalls würde der Jäger ihn für den
Verbrecher halten, der den Hasen in der Falle gefangen hatte!
Packen würde der ihn, zur Gendarmerie schleifen, bei
Gericht verklagen …
Da könnte er seine Unschuld noch so sehr beteuern, keiner
würde ihm glauben: Auf frischer Tat ertappt.
Hans sprang auf, rannte los. Der Rucksack hüpfte bei
jedem Schritt auf seinem Rücken. Nach rechts hinüber
rannte Hans zwischen den Bäumen den Hang entlang, immer
weiter weg von daheim, nur weg hier, weg!
Das Gebell hinter ihm blieb zurück und änderte sich.
Jetzt hat der Hund den Hasen gefunden und verbellt ihn, dachte
er, hoffentlich hält ihn das auf! Wenn er mich verfolgt,
muss ich mich stellen. Einem Jagdhund, der einmal die Fährte
aufgenommen hat, entkommt man nicht.
Er rannte und rannte, schlug Haken um Bäume und große
Steinbrocken, brach durch dichtes Gebüsch, kletterte
um eine Felsnase herum, rannte weiter. Plötzlich fiel
der Berghang beinahe senkrecht ab. Unten ein enges, stark
abschüssiges Tal. Zu spät, den wilden Lauf zu bremsen,
Hans rutschte zwischen den Bäumen den Steilhang hinunter,
schlitterte auf seinem Hintern, langte Halt suchend um sich,
bekam eine Wurzel zu fassen, drehte sich an ihr herum zum
Berg hin, doch konnte sich nicht halten, rutschte nun auf
allen Vieren, griff bald hier, bald dort nach dem Ast eines
Strauches, dem Stamm eines jungen Bäumchens, stieß
gegen einen Baumstamm, aber kam nicht zum Halten, sondern
glitt seitlich an ihm ab, konnte seine Rutschpartie nur verlangsamen,
nicht stoppen - und landete endlich unsanft in einem schmalen,
steinigen Bach.
Einen Augenblick saß er wie betäubt, dann rappelte
er sich wieder auf und lief im Bachbett bergab. Den Hund hörte
er nicht mehr.
Das Wasser war kalt. Wie Nadeln biss es in seine nackten Füße.
Doch wenigstens würde es seine Spur verwischen. Falls
der Hund ihm doch bis zum Bach folgen sollte, musste er hier
seine Fährte verlieren.
Nun konnte Hans seine Füße vor Kälte schon
kaum mehr fühlen. Aber immer, wenn er versuchte, aus
dem Bach zu steigen, rutschte er zurück. Das Ufer war
zu steil. Und wo es etwas flacher wurde, war es so dicht mit
Gestrüpp bewachsen, dass er nicht hinausgelangen konnte.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als weiter im sprudelnden
Bach bergab zu laufen, von Stein zu Stein zu springen, über
Felsbrocken zu steigen und an den Kaskaden kleiner Wasserfälle
hinabzuklettern. Mehrfach rutschte er auf den bemoosten Steinen
aus und landete im Wasser.
Endlich fand er eine Stelle, an der er sich auf die Böschung
ziehen konnte. Er ließ sich ins Unterholz fallen und
umschlang seine eisigen Füße. Nass und kalt klebte
ihm die Hose am Leib.
Rasch stand er wieder auf. Er musste weiter! Wenn er nur wüsste,
wo er war?
Es gab unzählige Bäche im Wald. Viele kannte er
von seinen Streifzügen. Diesen hier nicht. Vielleicht
führte er weit weg von Zuhause, womöglich ins Nachbartal?
Wenn er über die Grenze nach Württemberg geriet,
ohne es zu merken! Irgendwo in der Nähe musste die Grenze
verlaufen. Aber wie sollte man sie erkennen, mitten im Wald,
wenn man gar nicht wusste, wo man war!
Man durfte bestimmt nicht einfach so über die Grenze
gehen.
Vielleicht wurde sie von den preußischen Soldaten bewacht?
Überall waren diese fremden Soldaten, die der Großherzog
ins Land geholt hatte, wegen der Revolution. Es hieß,
die verhafteten jeden, der verdächtig war …
Oder wenn er von württembergischen Gendarmen ergriffen
wurde und sie glaubten, er wäre ein Dieb oder Wilderer
oder sonst einer, der Grund hatte, aus Baden vor der Polizei
wegzulaufen!
Hans presste die Zähne zusammen. Umkehren half jetzt
auch nicht. Es war schon zu dunkel. Er würde die Stelle
nicht wiedererkennen, wo er in den Bach geraten war. Er würde
es nicht schaffen, den Steilhang hinaufzuklettern. Er würde
seinen Weg nicht zurückgehen können.
Dem Bach zu folgen war seine einzige Möglichkeit. Ein
Bach führte immer zu einem Tal - und irgendwann auch
zu Menschen.
Er lief und lief. Das enge Tal weitete sich. Laubbäume
wuchsen neben dem Bach und Gras, in dem sich leicht vorankommen
ließ. Hans rannte immer weiter. Manchmal stolperte über
einen Stein oder eine Wurzel und fiel hin. Manchmal stieß
er sich den Kopf an einem Zweig. Es war schon so dunkel.
Eine Nacht allein im Wald, im Finstern, in nassen Kleidern
…
Der Bach mündete in einen anderen, größeren.
Plötzlich fühlte er einen Weg unter seinen Füßen.
War er hier nicht schon einmal gewesen? Im Dunkeln sah alles
so anders aus als bei Tag.
Da hörte er etwas: das rumpelnde, kreischende Lärmen
einer Sägemühle. Jetzt war er gerettet.
Der Wald lichtete sich und Hans gelangte auf eine große
Wiese. Atemlos blieb er stehen. Er sah ein breit ausladendes
Haus mit einer Laterne über der Tür und daneben,
ganz am Bach gelegen, ein offenes Bauwerk mit langgestrecktem
Dach, unter dem gleich mehrere Leuchtspäne Licht verbreiteten.
Dort wurde noch gearbeitet. Ein Mann stand neben dem Sägegatter,
das mit Getöse unablässig auf und nieder ging und
den mächtigen Baumstamm zersägte, der darunter eingespannt
war.
Hans seufzte erleichtert auf: Die Höllersägemühle.
Nun wusste er, wo er war. Er war nicht über die Grenze
geraten. Er war nicht einmal so weit weg von Zuhause.
Einen Augenblick zögerte er. Sollte er an der Haustür
klopfen und darum bitten, sich trocknen und aufwärmen
zu dürfen? Aber der Höllerer war ein harter Mann,
der sich sonntags nie in der Kirche blicken ließ - dem
wollte er nicht begegnen.
Entschlossen wandte Hans sich nach links. Dort drüben
wusste er den Weg, der ihn nach Hause führen würde.
Wenn er bergan rannte, so schnell er konnte, würde er
in einer halben, dreiviertel Stunde daheim sein. Wenn er bergan
rannte, so schnell er konnte, fror ihn auch nicht so arg.
(„Schwarzes Wasser“, Thienemann-Verlag, Stuttgart
2010, Seite 5 – 12)
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