Home
Bücher
Biographie
Pressestimmen
Über das Schreiben
Schullesungen
Schullesungen
 
 
Die Höhle der Weißen Wölfin
     
 

Vorgeschichtliches Jugendbuch (Altsteinzeit). Dressler 1996. Taschenbuch. Ab 12 Jahren. Nicht lieferbar.

Inhalt

Tamoas größter Wunsch ist es, endlich in die Geheimnisse der Frauen eingeweiht zu werden und zu den Töchtern der Weißen Wölfin zu gehören. Als die Zeit ihrer Einweihung gekommen ist, muss Tamoa das Lager verlassen. Von ihrer Mutter wird sie mit verbundenen Augen in die Höhle der Weißen Wölfin geführt. Völlig auf sich gestellt, bedroht von Unterirdischen, Dämonen und der Angst zu versagen, soll Tamoa drei Aufgaben erfüllen, die ihr unlösbar erscheinen. Eine faszinierende und bewegende Geschichte aus der Vorzeit.

Über die Entstehung

Als meine eigenen Kinder in der Pubertät waren, begann ich mich für Einweihungsprüfungen von Jugendlichen, sog. Initiationsriten, zu interessieren und sowohl völkerkundliche als auch religionsgeschichtliche Bücher zu diesem Thema zu lesen. Mehr und mehr nahm es mich gefangen. Die Tatsache, dass aus den wissenschaftlichen Veröffentlichungen sehr viel mehr über Initiationen bei Jungen als bei Mädchen zu erfahren ist, machte mich gerade auf weibliche Einweihungsprüfungen besonders neugierig. Ein simpler Gegenstand aus der Altsteinzeit, das Schwirrblatt, gab mir den ersten Anstoß zu der Idee, eine Initiationsgeschichte in die Altsteinzeit zu verlagern. Dieses Musikinstrument, das mehrfach bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurde, findet nämlich bei neuzeitlichen Naturvölkern über den ganzen Erdkreis für Initiationsriten in typischer Weise Einsatz, um das Nahen der Geister anzukündigen. Vielleicht diente es ja schon in der Altsteinzeit diesem Zweck? Eine Geschichte nahm ihren Anfang ...

 

Leseproben

[Tamoa wird zu Beginn ihrer ersten Menstruation von der Mutter mit verbundenen Augen in tagelanger Wanderung an einen unbekannten Ort gebracht, um sich der Einweihungsprüfung zu unterziehen. Dort macht die Mutter für Tamoa, die nicht das Geringste sehen kann, ein Lager und gibt ihr ein seltsames Gebräu zu trinken, durch das Tamoa in tiefen Schlaf fällt.]

Sie lag zwischen Wachen und Schlafen, spürte die wohlige Schwere in den Beinen, die Wärme des Fells, drehte sich zur Seite, wollte sich noch einmal hinabgleiten lassen in die verlockende Tiefe des Schlafes. Dann plötzlich war sie hellwach. Etwas stimmte nicht.
„Mutter?“, fragte sie. Stille.
Noch einmal, lauter nun und drängender: „Mutter!“ Schweigen.
Endlich rief sie, schrie nach ihrer Mutter. Hohl hörte sie das Echo ihrer eigenen Stimme, von Geistermund zurückgerufen.
Die Mutter war weg.
Sie hatte es doch gewusst, dass die Mutter nicht bei ihr bleiben konnte. Aber so, ohne Ankündigung, ohne ein Wort des Abschieds! Und ohne ihr zu sagen, was sie nun tun musst!
Tamoa biss auf die Fingernägel, kämpfte verzweifelt gegen den Aufruhr in ihrer Brust, zwang sich mühsam zur Ruhe.
Denk nach!, befahl sie sich selbst.
Vielleicht war die Mutter doch nur kurz weggegangen und kam gleich zurück? Tamoa lauschte. Sie hörte nichts, einfach nichts.
Und diese Schwärze.
So schwarz war es doch unterwegs nicht gewesen?
Sicher war es Nacht ...
Da, plötzlich, mit wütender Macht erfasste sie eine glühende, wilde Woge des Entsetzens, brandete aus ihrem Inneren hoch, schlug über ihr zusammen. Mit beiden Händen fuhr sie sich ins Gesicht, fasste an die weit aufgerissenen Augen, spürte die Wimpern, die Feuchtigkeit des Augapfels und weigerte sich doch zu begreifen: Die Binde war weg, die Augen waren offen und dennoch konnte sie nichts sehen.
„Mutter“, keuchte sie, „Mutter, ich bin blind! Blind!“
Sie fuhr empor, kauerte auf dem Fell, schlug und trommelte mit den Fäusten auf den Boden: „Blind!“
Gespenstisch verhallte ihre Stimme.

[Endlich begreift Tamoa, dass sie sich in einer Höhle befindet und nur wegen der vollständigen Finsternis nichts sehen kann.]

Eine Höhle, in die man hineingekommen war, musste man auch wieder verlassen können.
Sie musste den Ausgang finden.
Dieser furchtbaren Finsternis entkommen!
Finsternis – die Unterirdischen ...
Mit aufgerissenen Augen starrte sie ins Nichts. War da nicht ein Wispern? Dort ein höhnisches Kichern? Glühten nicht Augen, zuckten umher wie Blitze?
Schon traf sie der Hauch eines kalten Atems.
Sie, die hausten in den Tiefen der Schlünde, in der bodenlosen Schwärze der Abgründe und Spalten, der ewigen Nacht der Höhlen: Sie lauerten um sie herum, harrten auf ihr Opfer, bereit sie zu verschlingen!
Und kein Licht, das sie bannen würde, keine Flamme, die sie vertrieb, kein Feuer, das Schutz gewährte!
[...]
„Mutter“, flüsterte sie, „Mutter, hilf mir!“
Sie erhob sich auf die Knie und streckte die Arme zum Gebet in die Höhe. Sie rief alle guten Geister an, alle hilfreichen Wesen, von denen die Eltern ihr erzählt hatten.
Stille.
Sie bettelte, flehte.
Dann schließlich betete sie beinahe schreiend: „Große Weiße Wölfin, Urahnin, steh mir bei!“
Da. Sie zuckte zusammen.
Ein fernes Klingen, ein unheimlich schwirrender Laut.
Er kam näher, erfüllte die Luft mit seinem übermächtigen Sirren, jagte ihr Schauer den Rücken hinunter. Wer näherte sich ihr da – oder was?
Ein Klang nicht von dieser Welt.
Aus der Höhe kam er, dieser überirdische Ton. Und plötzlich wusste sie: Es war die Große Weiße Wölfin – sie kam ihr zu Hilfe!

Arena-Taschenbuch 2003, Seite 62 – 63 und 65 - 67

zum Bücherregal